Responsive Joomla Templates by BlueHost Coupon

Info des Monats - Tipps und Interessantes für Sie von der Naturheilpraxis

Erfindung von Krankheitsbildern

Zu konstruierten Krankheiten werden oft auch gleich die passenden Pillen entwickelt, wie zum Beispiel Ritalin.

pillen

Stephen / Pixabay

Ritalin wurde im deutschsprachigen Raum 1954 auf den Markt gebracht. Der Chemiker Leonardo Panizzon entdeckte den dem Medikament zugrundeliegenden Wirkstoff Methylphenidath 1944 für das Schweizer Pharmaunternehmen Ciba, heute Novartis. Er testete ihn zuerst an sich selbst und seiner Frau Marguerete, die beim Tennisspiel sehr oft den Ball verfehlte. Beide waren von der leistungssteigernden Wirkung, wie beim erwähnten, gemeinsamen Tennisspiel, derart begeistert, dass das Medikament nach dem Spitznamen von Panizzons Gattin benannt wurde; Rita. Schon bald nach der Markteinführung wurde bekannt, dass Ritalin in hoher Dosierung ein starkes Suchtpotential hat. Deshalb fällt Methylphenidath seit Anfang der 1970er-Jahre im deutschsprachigen Raum unter das Betäubungsmittel- beziehungsweise Suchtmittelgesetz. Anfangs wurden vor allem, Menschen mit Depressionen, Erschöpfungs- und Antriebsstörungen damit behandelt.

Ritalin für ADHS und ADH

Im Jahr 1980 wurde ein eine neue Möglichkeit entdeckt, Ritalin unter die Menschen zu bringen. Der US-amerikanische diagnostische und statische Leitfaden psychischer Störungen DMS führte die Diagnose des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms ein, das zwischen ADHS mit und ADH ohne Hyperaktivität unterschied. In der Schweiz wurde währenddessen die Diagnose POS gestellt, psychoorganisches Syndrom, und bis 2012 offiziell verwendet. POS umfasst eine Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten, darunter Lernschwierigkeiten, leichte Ablenkbarkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Das deckt sich weitgehend mit AHDS-Symptomen. So oder so, immer hiess es; Da hilft Ritalin.
Was davor sich geht, ist schnell durchschaubar – Man konstruiert eine Krankheit und entwickelt auch gleich die passenden Pillen. Das pharmazeutische Interesse – besser wohl Gier – ist mehr als offensichtlich.

Ritalin gegen das Trauern

Zig Beispiele zeigen, wie schnell das mit der Diagnose gehen kann. Verlor jemand seinen Ehepartner, wurde ihm einst ein Trauerjahr zugestanden. Das DSM-4, im Jahr 2000 veröffentlich, gestattet nur noch zwei Monate und laut DSM-5 muss das Trauern nach 14 Tagen beendet sein. Sonst wartet die Diagnose schwere Depression. Man muss sich die Gewalt vergegenwärtigen, die dahintersteckt. Individuelle Prozesse, die so lange dauern, wie sie ebendauern, werden in eine willkürliche Frist gepresst, um Menschen anschliessend psychisch krank abzustempeln und die medikamentieren zu können. Wutanfälle von Dreijährigen, nicht ungewöhnlich, werden als Disruptive Mood Disregulation Disorder eingestuft, als eine Art Impulskontrollstörung- Und sobald Kinder lebendiger sind, als Erwachsene das wollen, wird mit der ADHS-Diagnose dafür gesorgt, sie medikamentös herunterzudimmen. Hier stellt sich die wichtige Frage – Wer hat hier eigentlich ein Problem? Der US-Psychiater Allen Frances ist einer der grössten Kritiker auf diesem Gebiet. Seiner Überzeugungen nach seinen Kinder mitnichten gestörter als früher. Der Harvard-Psychologe Jerome Kagan bezeichnet ADHS sogar als eine Erfindung der Pharmabranche. Der Entdecker des Syndroms, Leon Eisenberg, distanzierte sich später davon und sprach von einer konstruierten Krankheit. Auch für den amerikanischen Kinderarzt Richard Saul steht fest: ADHS gibt es nicht.

Wie geht es den Kindern?

Kinderforscher Michael Hüter stellte erst jüngst den Befund. Noch nie ausserhalb von Kriegszeiten, ging es den Kindern seelisch und emotional so schlecht wie heute. Das nimmt uns Eltern in die Verantwortung. Statt ihre Schmerzen mit Diagnosen und Medikamenten unsichtbar zu machen, geht es darum, zu verstehen, was Kinder uns mit ihrem Verhalten sagen wollen., über sich selbst, über uns, über die Gesellschaft. Anders gesagt: Ritalin und ADHS wird es so lange geben, wie wir ihnen diese Empathie verweigern.

 

Autorin: Sylvie-Sophie Schindler
Ausgebildet in Philosophie, Pädagogik, Schauspiel und hat über 1500 Kinder begleitet. Die Journalistin ist Trägerin des Walter-Kompowski-Literaturpreises 2021 und publizierte u.a. bei der Weltwoche. Ihr Buch „Anarchie – jetzt oder nie“ (111 Seiten) ist soeben im Westend-Verlag erschienen.

 

Quelle: Die Freien -Ausgabe 23, 2026